Die Sportlerin Cary Hailfinger sitzt im Rollstuhl und soll in Tübingen für ihre Leistungen geehrt werden. Um auf die Bühne zu gelangen, braucht sie eine Rampe.
Oberbürgermeister Boris Palmer lehnt diese ab. Zu teuer, heißt es. 1.200 Euro für Auf- und Abbau stünden nicht im Verhältnis dazu, dass eine Person „eine Minute auf der Bühne“ stehe.
Und genau hier beginnt das eigentliche Problem.
Denn plötzlich wird öffentlich ein Preis genannt für die Teilhabe eines Menschen.
Eine Summe, die suggerieren soll: Ist das wirklich nötig?
Es entsteht der Eindruck, Barrierefreiheit sei eine Art Luxus. Etwas, das man sich vielleicht wünschen könne, über das aber am Ende pragmatisch entschieden werden müsse.
Aber worüber sprechen wir hier eigentlich? Nicht über Sonderwünsche. Nicht über Komfort. Nicht über ein Extra. Sondern darüber, ob eine Sportlerin ihren Preis dort entgegennehmen darf, wo ihn alle anderen auch entgegennehmen.
Besonders problematisch ist dabei die Verschiebung der Perspektive.
Nicht die fehlende Barrierefreiheit der Bühne wird zum Skandal erklärt, sondern die Kosten, sie herzustellen. Dabei müsste die eigentliche Frage doch längst eine andere sein: Warum ist eine Bühne im Jahr 2026 überhaupt noch nicht barrierefrei? Warum wird Teilhabe erst dann mitgedacht, wenn ein betroffener Mensch auftaucht?
Und warum wird anschließend öffentlich darüber diskutiert, ob dieser vermeintliche Aufwand gerechtfertigt sei? Gleichzeitig wird deutlich, dass das Prinzip von Inklusion noch immer nicht verstanden wurde oder nicht verstanden werden möchte.
Inklusion bedeutet, Gesellschaft von Anfang an so zu gestalten, dass Menschen nicht erst um Hilfsmittel, Ausnahmen oder Sonderlösungen bitten müssen, um selbstverständlich teilnehmen zu können. Genau darin liegt der Denkfehler dieser Debatte: Die Rampe erscheint als Zusatz. Als Sonderaufwand. Dabei müsste Barrierefreiheit längst selbstverständlich mitgedacht sein.
Doch hinter dieser Diskussion steckt noch etwas anderes: Macht. Wer entscheidet eigentlich darüber, ob Teilhabe „zu teuer“ ist? Wer bestimmt, was angemessen erscheint? Und warum müssen Menschen mit Behinderung ihre Gleichberechtigung noch immer rechtfertigen, während andere selbstverständlich dazugehören dürfen?
Genau darin liegt die Gefahr solcher Debatten: Teilhabe erscheint nicht mehr als Recht, sondern als etwas, das beliebig gewährt oder verweigert werden kann.
Wir erleben gerade eine Zeit, in der sich der Ton verändert.
In der Menschen mit Behinderung wieder häufiger als Belastung, Aufwand oder Kostenfaktor beschrieben werden. Gerade jetzt ist es wichtig, dass wir als Umfeld, als Gesellschaft, stark bleiben und solidarisch sind.
Denn die Frage, ob ein Mensch gleichberechtigt teilnehmen darf, darf nicht von der Entscheidung eines einzelnen Oberbürgermeisters abhängen. Eine Sportlerin im Rollstuhl sollte nicht darum kämpfen müssen, auf dieselbe Bühne zu kommen wie alle anderen.
Bevor wir jetzt so weitermachen
Es liegt an uns allen, wie wir als Gesellschaft miteinander leben wollen.
Wir dürfen unsere Kraft nicht unterschätzen und auch nicht die Notwendigkeit, klar, solidarisch und menschlich zu bleiben.
Sarah
„Bevor wir jetzt so weitermachen“ ist eine Reihe über die gesellschaftliche Entwicklung unserer Zeit über Verantwortung, Solidarität und die Frage was jede*r von uns aktiv tun kann für mehr Miteinander.
